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Der Krieg in Slowenien Kurioses am Rande des Krieges
Nachdem es am 27. Juni 1991 an der österreichischen Staatsgrenz zu Kämpfen zwischen den slowenischen Freiheitskämpfern und der Jugoslawischen Volksarmee kam, wurden einige Verbände des Österreichischen Bundesheeres erstmalig in der Geschichte dieses Heeres zum Einsatz gemäß Wehrgesetz Paragraph 2 Absatz 1 alarmiert. Unter dem Kommandanten, dem heutigen Brigadier Josef Paul Puntigam hatte das Landwehrstammregiment 53 aus Straß entlang der Grenze einen Streifen von 130 Kilometern zu sichern. In diesem Bericht soll über
Begebenheiten berichtet werden, die Puntigam erlebte und die den Steirern und Steirerinnen weniger bekannt sind. Puntigam, damals Oberstleutnant, erhielt von einer Frau aus Lichendorf/Murfeld einen Anruf, in dem die Frau fragte, ob ein österreichischer Hubschrauber einen roten Stern aufgemalt hätte. Tatsächlich hatten am 27. Juni vier Hubschrauber der Jugoslawischen Volksarmee den österreichischen Luftraum bei Mureck- Lichendorf-Gersdorf und Spielfeld überflogen. Dabei wurde eine jugoslawische Infanteriekompanie auf dem Bubenberg bei Spielfeld auf Österreichischen Staatsgebiet abgesetzt. Die Staatsgrenze zwischen Österreich und Jugoslawien war schlecht gekennzeichnet und wurde so mit Fahnenstangen, auf denen die österreichische Fahne hing markiert. „Nachdem ich von einer Luftlandung am Bubenberg erfuhr, fuhr ich mit meinem Kraftfahrer Andreas Kurzmann dorthin. Da sah ich, dass die dort abgesetzten Soldaten teilweise auf österreichischem Staatsgebiet saßen. Ich ging zur Markierungsstange mit der österreichischen Fahne. Ein junger jugoslawischer Soldat kam zur Fahnenstange und riss die österreichische Fahne herunter. Blitzschnell riss ich ihm die Fahne aus der Hand und schupfte ihn über die Grenze auf jugoslawisches Staatsgebiet zurück. Sofort legten einige jugoslawische Soldaten ihre Gewehre in meine Richtung an, andere
drückten diese Gewehre wieder zu Boden. Mein Kraftfahrer, Andreas Kurzmann, nahm sein Sturmgewehr, stellte sich hinter mich und repetierte durch. Darauf gingen die jugoslawischen Soldaten zurück auf ihr Staatsgebiet. Nach der Abfahrt sagte ich zu Kurzmann, warum er nicht, wie es richtig sei, in Stellung gegangen sei? Kurzmann meinte, er wollte nur zeigen, dass wir bereit sind. Kurzmann hatte zu dieser Zeit noch keine ausreichende militärische Ausbildung, was unser Glück war. Hätte er Stellung bezogen und die Waffe auf die Soldaten gerichtet, so hätte dies schlecht ausgehen können. Mit seinem unmilitärischen Verhalten hat er wahrscheinlich mein Leben gerettet, da sich die Soldaten nicht bedroht oder angegriffen fühlten. Die österreichische Fahne habe ich zur Erinnerung aufbewahrt“ berichtete Puntigam. Die Bundesheersoldaten durften, obwohl die Jugoslawische Armee mit schwerem Gerät gegen die Österreichische Grenze rollte, nicht näher als zwei Kilometer an die Grenze. Als Verstärkung kam die Exekutive, die den Befehl hatte nur zur Notwehr und Nothilfe von ihrer Waffe Gebrauch zu machen. Dazu Puntigam: „Es war alles wie in einer Erzählung von Roda-Roda.“ Die Lage war äußerst angespannt und trotzdem konnten sich die Rekruten des Regimentes nach Befehl des Militärkommandos auf
das Abrüsten vorbereiten. Dazu schrieb Puntigam in sein Tagebuch: „Jetzt, wo sie all das Gelernte umsetzen sollen, mussten wir sie abrüsten lassen und heimschicken? Wir konnten es nicht glauben.“ Etwa 400 Soldaten verließen die Kaserne Straß und es blieben Zwölf-Wochen-Rekruten in ihrem Ausbildungsstand übrig. Der Boden unter den Füßen wurde den Verantwortlichen, nachdem sich die Situation in Slowenien von Stunde zu Stunde verschärfte zu heiß. Vorbereitungen zur Aufnahme von vier Assistenzkompanien im Landwehrstammregiment 53 wurden getroffen. Zur verstärkten getarnten Grenzüberwachung meldeten sich vier Kadersoldaten freiwillig. In Zivilkleidung traten sie wie Jäger auf und besetzten so Hochsitze. Es handelte sich um eine äußerst geheim gehaltene Aktion. Jetzt kam es auch zur ersten verletzten Zivilperson auf Österreichischem Staatsgebiet. In Bad Radkersburg verletzte ein Querschläger einen Urlauber schwer. Darüber wird in der zweiten Folge dieses Berichtes und im Film Elisabeth Bussetto berichtet. Es kam zu einigen Verletzungen des Österreichischen Luftraumes, vor allem im Bereich Radkersburg, Mureck, Straß und Spielfeld. Einmal überflog ein jugoslawischer Kampfbomber die Grenze, überflog im Tiefflug auch die Bezirksstadt Feldbach und drehte im Raum Graz wieder in Richtung Slowenien ab. Dazu sagte Puntigam: „Ich bin der Überzeugung, dass dieser Pilot fliehen wollte, nur den Flugplatz Thalerhof nicht fand!“ Am 28. Juni 1991 kam es im Murtal zu einem
dumpfen Dröhnen. Jugoslawische Jagdbomber flogen Einsätze und ließen verbotene Schüttbomben fallen. „Dabei kamen etliche ausländische Fernfahrer grässlich ums Leben. Ich bekam ein Video, wo man sehen konnte, wie sich schwer verwundete Zivilisten in ihrem Blute wälzten.“ Der Sonntag, 30. Juni 1991, stand unter keinem guten Stern für Oberstleutnant Puntigam. Die Jugoslawische Volksarmee drohte mit Luftanschlägen und Giftgaseinsatz. Eine verheerende Situation für den gesamten Grenzbereich. Puntigam schreibt in sein Tagebuch. „Ich erhielt vom Militärkommandanten den Auftrag, unverzüglich nach St. Anna am Aigen zu fahren, die dortige Gendarmerie und den Bürgermeister zu informieren, da angeblich Gefahr besteht, dass auch St. Anna am Aigen bombardiert werden kann. Warum dies so sein sollte, wusste auch der Militärkommandant nicht. Da ich in Radkersburg war, raste ich nach St. Anna. Der dortige Pfarrplatz war mit Leuten voll besetzt, es galt eine Primiz zu feiern. In Slowenien heulten die Sirenen, über Radkersburg standen dunkle Rauchsäulen. Aber in St. Anna war es so, als ob all dies nur ein Schmierentheater wäre und ihnen nichts anginge. Ich informierte den Gendarmeriekommandanten. Der lachte mich schallend aus. Auch der Bürgermeister konnte mit meiner Meldung nichts anfangen.“ St. Anna wurde tatsächlich nicht bombardiert, doch die Geschichte hat einen heißen Kern. Dazu Puntigam: „Heute weiß ich, dass St. Anna haarscharf an einer Katastrophe vorbeischlitterte. Den Verursacher: ein österreichischer übereifriger Beamter. Die Jugoslawische Armee drohte damals den slowenischen Kräften im Raum Murska Sobota und Kuzma mit der Zerstörung ihrer Relaisstationen. Ein österreichischer Zöllner aus St. Anna am Aigen bekam das mit und bot an, diese Relaisstation im Raum St. Anna, für die Slowenen zu errichten. Die Jugoslawische Volksarmee hörte diese Telefongespräche mit und drohte daher mit der Bombardierung von St. Anna, sollte diese Relaisstation aktiviert werden. Um die Mittagszeit des 30. Juni überflog ein als Sanitätstransporter gekennzeichneter und mit Raketenwerfern ausgestatteter Jugoslawischer Hubschrauber österreichisches Gebiet. Wie später bekannt wurde hatte er Bekleidung, Decken und Verpflegung für die Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee geladen, was entsprechend des Kriegsvölkerrechtes verboten ist. Ein großes Problem stellten die vielen Schaulustigen dar. Sie marschierten vor den Mündungen der scharf geladenen Waffen der Bundesheersoldaten umher. Um die perverse Situation an der Grenze noch deutliche darzustellen, stelle man sich vor, dass am 1. Juli 1991 250 junge Burschen in die Kaserne einrückten und dies nur 200 Meter von der Grenze entfernt, wo der gefährlichste Bereich des gesamten Slowenienkrieges war. Außerdem war die Kaserne von Soldaten überfüllt. Nur nach größten Anstrengungen gelang es, diese Soldaten am ersten Tag ihres Bundesheerlebens nach St. Michael bei Leoben zu verlegen. Auch am 2. Juni kam es zu Ereignissen, die einzelnen Militärs und den Normalbürger die Haare zu Berge stehen ließen. „Die Zollwache von der Grenzübertrittsstelle von Heiligengeist/Sveti Duh meldete, dass schwere Auseinandersetzungen ausgebrochen sind. Ein dort befindliches Widerstandsnest, unter dem Kommando von Oberleutnant Herbert Haller vom Landwehrstammregiment 52 aus Feldbach, bestätigte die Kämpfe. Ich flog mit dem Hubschrauber in den gefährdeten Raum. Oberleutnant Haller entriss in dieser kritischen Situation einem Grenzer die Pistole, da dieser damit in die Auseinandersetzung schießen wollte“ erzählt Puntigam. Am Nachmittag wurde der Kirchturm von Oberradkersburg durch eine Jagdpanzergranate zerschossen. Dann fuhr plötzlich ein Jagdpanzer der Jugoslawischen Volksarmee auf die Murbrücke zu und fuhr 20 Meter in Richtung Österreich auf die gesperrte und verminte Brücke auf. In diesem Moment ergriff der Feldbacher Stabswachtmeister Eduard Zehethofer die Panzerabwehrwaffe sPAR 66, um den Panzer, sollte er die Sperren auf österreichischer Seite durchbrechen, mit einer panzerbrechenden Granate durch Abschuss zu stoppen. Aber der Panzer rollte aus unerklärlichen Gründen wieder zurück. Dazu Puntigam: „Auch in diesem Fall könnte es der Fall gewesen sein, dass ein Panzerfahrer nach Österreich flüchten wollte, doch im letzten Augenblick erkannte, dass es Sperren und Minen gab.“ Der Gefechtsstreifen an der Grenze wurde geteilt und so übernahm den Bereich Ost mit den Bezirken Feldbach, Jennersdorf und Radkersburg das Landwehrstammregiment 52 aus Feldbach mit Oberst Heribert Nagler beziehungsweise Major Rainer Karasek und den Bereich West mit den Bezirken Leibnitz und Deutschlandsberg das Landwehrstammregiment 53 mit Oberstleutnant Josef Paul Puntigam.
Brigadier Josef Paul Puntigam im Gespräch mit Prof. Johann Schleich bei den Filmaufnahmen für die VulkanTV- Dokumentation „Der Krieg in Slowenien“.
Blick auf die Zerstörungen in Oberradkersburg.
Oberradkersburg mit dem zerstörten Kirchturm.
Bundesheersoldaten zwischen Radkersburg und Spielfeld.
Die mit Minen und Panzersperren gesperrte Murbrücke in Bad Radkersburg.
Der mit einem Roten Kreuz gekennzeichnete Hubschrauber der Jugoslawischen Volksarmee.