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Maria Maitz in ihrem eigenen Reich.
"In der Bauernwirtschaft in Jamm 64 habe ich unter drei verschiedenen Besitzern, den Göbl, Hackl und Grießbacher, 70 Jahre lang als Dirn gearbeitet. Da habe ich gute und schlechte Zeiten erlebt. Die Bäuerin Johanna Göbl war eine gute Frau, weshalb ich zur Erinnerung an sie, das Kreuz, bei dem sie immer gebetet hat, nachdem es von einem Lastkraftwagen umgeführt wurde, neu errichten lassen habe. Über die Errichtung des alten Kreuzes hörte man, dass von einer Bäuerin zwei "Dirndln" an Lungentuberkulose starben, wonach das Kreuz aufgestellt wurde, damit die Krankheit aus dem Haus ausziehe" erzählte Maria Maitz. Die Kreuzweihe erfolgte am 14. Mai durch Weihbischof Franz Lackner. Die Lebensgeschichte von Maria Maitz, die in Neustift bei Kapfenstein zur Welt kam, ist ein Spiegelbild für das Bauernleben des 20. Jahrhunderts in der Südoststeiermark.  Nachdem die Eltern von Maria in Jamm eine Kleinstwirtschaft mit einigen Schweinen und Hühnern erwarben, musste sie als Dirn beim Göbl-Bauern für ihr Auskommen sorgen. Im Sommer begann die Arbeitszeit um vier Uhr in der Früh und endete um zirka 20 Uhr, wenn die Tiere im Stall versorgt waren. War Presszeit oder "Kukuruz" zu schälen, dann musste bis spät in die Nacht gearbeitet werden. Im Winter begann der Arbeitstag um 5 Uhr in der Früh. Zwei Knechte und zwei Dirnen standen beim Bauern im Dienst. In diesem Haus wurden auch Kinder aufgenommen und aufgezüchtet. Die Knechte hatten ihre Schlafstätte im Stall, die Dirnen schliefen in einem Zimmer im Haus. "In den späten dreißiger Jahren verdiente ich kein Geld, sondern arbeitete für das Essen und ein wenig Kleidung. Als ich 18 Jahre alt war bekam ich 25 Mark im Monat. Die Alten, die nicht mehr arbeiten konnten zogen als Einleger von Haus zu Haus, hatten keine medizinische Versorgung und mussten bei den Bauern im Stall übernachten. Unter den Nationalsozialisten wurde dann eine Versicherung für die Dienstleute eingeführt" erinnert sich Maria Maitz. Diese Einleger hatten sich beim Bürgermeister zu melden, der sie dann für ein bis drei Tage einem Bauern zur Versorgung zuteilte. Große Bauern mussten dann drei Tage für den Einleger sorgen. Bei manchen Bauern schliefen die Einleger in dem hölzernen "Haartrog", in dem die geschlachteten Schweine enthaart wurden. Danach kamen die so genannten Hamburger, die ebenfalls kein Zuhause hatten und bettelnd von Haus zu Haus gingen. Auch diese wurden den Bauern zugeteilt. Der letzte Einleger war ein Herr Praßl, der in Jamm bis um 1980 in den Ställen der Bauern schlief. Er beendete sein Leben, indem er sich erhängte. Als Dirn musste man am Sonntag in die Kirche gehen, sonst bekam man kein Mittagessen. Am Sonntag in der Früh wurde das Vieh gefüttert, dann ging es zu Fuß zur weit entfernten Kirche und nach der Messe wieder zurück zum Viehfüttern. Am Nachmittag waren einige Stunden frei. Am Abend wurde wieder das Vieh gefüttert. Einen Urlaub gab es nicht. Die Arbeitswoche dauerte sieben Tage. Wollte die Dirn einmal im Jahr die Verwandten besuchen, musste sie sich den Tag erbetteln. "Als Dirn hatte man für sich persönlich keine Zeit. Ich wollte die Haushaltungsschule machen, doch die Bäuerin lehnte dies ab, da man für das Kochen einige Lebensmittel, wie Eier, Mehl und Schmalz mitbringen musste. Als die Viehwirtschaft zu Ende ging und die Tiere aus dem Stall kamen, musste ich weg, da ich dies nicht aushielt. Wurde ein Rind verkauft, oder ein Schwein geschlachtet, machte dies mir weniger aus, denn es war ja für diesen Zweck da. Die Tiere taten einem immer leid." Im Zweiten Weltkrieg war auf dem Hochstradener Kogel eine Funkstation in Betrieb. Dort arbeiteten so genannte "Blitzmadeln".  Maria wurde Ende 1944 für drei Wochen zum Stellungsbau nach Mogersdorf gebracht. "Da kamen russische Tiefflieger und beschossen uns. Es gab neun Tote. Als die russischen Soldaten nach Jamm kamen musste ich für sie 14 Tage lang in Karbach bei Stainz Stellungsgräben ausheben. Hier belästigte ein russischer Soldat die Mädchen. Dieser wurde von seinem Kommandanten damit bestraft, dass er in Hochstraden schon halb verweste Tote eingraben musste. Dann versteckte ich mich mit anderen jungen Frauen eine Woche lang im Stroh eines Kleinbauern. Zu Essen bekamen wir ein rohes Ei, ein kleines Stück Brot und ein Glas Wasser am Tag. Nach dem Krieg kamen die Tito-Partisanen, ganz wilde Teufel, die uns alles wegnahmen was noch vorhanden war. Die Bäuerin hatte nichts mehr und so ging sie in andere Dörfer um Hühner und ein Schwein zu betteln, damit sie wieder mit der Wirtschaft beginnen konnte.  Wir sammelten die Maiskolben auf, auf denen noch einige Maiskörner hingen, um einen Samen für die Aussaat zu haben. Das war der Rest, den uns die Ross zum Überleben übrig ließen. Ich kann sagen, dass die Bauern mit Hitler keine Freude hatten. Bei der Abstimmung hieß es, ein Volk sagt JA"  erzählte Maria, die 1946 die schwerste Entscheidung in ihrem Leben zu treffen hatte. "Ich gab meinen Sohn an einen Rechtsanwalt zur Adoptierung frei. Das war für mich sehr schwer und ich weinte einen Tag ununterbrochen. Doch für meinen Sohn war es das Beste, da er sonst ein Bauernknecht geworden wäre. Er konnte so studieren und ist heute ein Rechtsanwalt. Der Vater von ihm war ein Volksdeutscher, der aus dem ehemaligen Jugoslawien von den Tito-Partisanen vertrieben wurde. Er ging nach Jugoslawien zurück um nachzusehen, wie es seinen Verwandten ging. Da wurde er von den Partisanen erschossen" erzählte  Maria, die auf ihren Lebensweg mit einem gewissen Stolz, auf das was sie als einfache Dirn geleistet hat zurück blickt. Als Bauerndirn war das Alltagsleben auf die Arbeit ausgerichtet. Bei diversen Arbeiten, wie beim "Federschleißln" und "Kürbiskern schälen" ging es unterhaltsam zu. Es wurden sehr oft Geistergeschichten erzählt.  So besagt eine Sage, dass auf dem Waltrafelsen die Unifrauen lebten, die von den Bauern am Abend Essen an den Feldrand gestellt bekamen und dafür nachts die Feldarbeit machten. Ein Knecht aus dem Haus Paulus am Hochstradener Kogel rief ein Mal seinem Hund zu "Teixl bring mir a an Pirgl", wonach es ziemlich "lustig" (laut) bei den Unifrauen zuging und die Unifrauen für immer verschwanden. Am nächsten Tag soll ein kleiner Menschenfuß von einer Unifrau an einem Hüttentor gehangen haben. In Jamm erzählte man sich, dass der Teufel die Unifrauen zerrissen hätte. Maria Maitz ist davon fest überzeugt, ein Mal ein "Ruamanderl" gesehen zu haben. "Es war am Rua (Grenze) von zwei Äckern, wo der vulgo Kogelschneider die Grundgrenze immer zum Dunkel Wirt seinem Grund hinein versetzte. An dieser Stelle sah ich das Ruamanderl, wie ich meinen Vater vom Feld zum Nachtmahl holen ging, umherspringen. Es war klein und froschgrün mit einem Spitzkappel auf dem Kopf." Erzählt wurde auch vom Wilden Gjoad, das von Hochstraden aus nach Pertlstein geflogen sei. Es war dabei ein lautes Brausen zu hören. Den Teufelsstein trug der Teufel aus Hochstraden an die jugoslawische Grenze nahe bei Aigen. Heute lebt Maria Maitz noch immer in dem Haus, in dem sie 70 Jahre als Dirn arbeitete. Sie gilt hier als Familienmitglied der Weinbaufamilie Grießbacher und wird  "Mitzi Oma"  genannt. Aufgen. Mai 2011
Die Bäuerin Johanna Göbl (Bildmitte) mit ihren Schwestern und deren Männern. 
Die Bauerndirn Maria Maitz in jungen Jahren.
Das Lieblingspferd von Maria Maitz wurde gezeichnet.
Maria Maitz mit einem mächtigen Stier.
Maria Maitz vor dem Kreuz, das sie errichten ließ.
Die Eltern von Maria Maitz beim Heufassen.
Ein Leben lang Bauerndirn Maria Maitz gehört zu den letzten der Berufsgruppe, die ihr Leben lang als Bauerndirn gearbeitet hat.